fliegengewicht
Bücher - Rezensionen etc.
Mittwoch, 29. Oktober 2008
29
Oktober
2008
Gleich vorneweg: Für mich ist dieses Buch kein MUSS. Es ist flüssig geschrieben und hat genug Spannungsmomente, so dass ich bis zum Ende durchgehalten habe, aber eines meiner Lieblingsbücher wird es nicht.

Hier und auch zu Beginn der Leserunde wurden einige historischen Fehler bemängelt, mich hat das aber (ausnahmsweise) gar nicht gestört. Das fällt für mich eindeutig unter die "dichterische Freiheit", da ich so oder so nichts was heute über das 12. Jahrhundert geschrieben wird für sehr realitätsnah halte. Ken Folletts Blick in diese Zeit ist für mich kein Tatsachenbericht, sondern Fiktion.

Die Figuren waren sämtlich eindimensional und klischeehaft – richtig böse, richtig gut, Hexe die im Wald lebt, schöne Maid wird vergewaltigt u.v.m. – und m.E. hat sich Ken Follett auch zu sehr an den Gewalt- und Vergewaltigungszenen ausgelassen. Teilweise hat es mich an "Die Wanderhure" erinnert, welches für mich unter den von mir gelesenen Büchern das schlechteste je verlegte Buch ist.

Auch kam es mir häufig vor, als hätte Ken Follett schon für eine spätere Verfilmung geschrieben, aber da die 20 Jahre später immer noch nicht passiert ist, irre ich mich da wohl.

Die letzten Kapitel waren dann doch auch sehr vorhersehbar. Das Happy-End war, wenn auch konstruiert, so zu erwarten. Das Buch wäre wohl kein Mega-Seller geworden, wenn William und Waleran obsiegt hätten. Schade eigentlich Lachen

Einzig positive Überraschung war die Entwicklung von Jack. Nach dem ersten Kapitel hatte ich echt gedacht, dass er sich zum Dorftrottel entwickeln wird; hier hätte ich mir von ihm nur mehr Gegengewicht zur der übermäßigen Religiosität der meisten Figuren gewünscht – es war ja deutlich, dass er nicht gläubig ist. Schade, dass Ken Follett dem nicht mehr Raum gegeben hat.

Interessant, wenn auch manchmal zu ausführlich, fand ich den architektonischen Teil, wie Ken Follett Gotik umschrieben hat, ohne Gotik zu sagen, wie er Jack diese in Frankreich hat entdecken lassen. Da ich das Buch auf Englisch gelesen habe, hat sich diesbezüglich auch mein Wortschatz enorm erweitert Augenzwinkern

Trotz allem werde ich auch "World without end" lesen… vielleicht hat der Autor nach 20 Jahren ja ein paar unerwartete Joker aus dem Stift geschüttelt (ich hab das Buch schon hier liegen und hab gesehen, dass innen zwei Karten sind – die haben mir hier sehr gefehlt).

Ach ja, ich denke, geholfen hat mir auch die Leserunde bei den Büchereulen, ziemlich schnell die ganzen Namen auseinander zuhalten.

Auf der Schulnotenskala vergebe ich eine 2,5.




29
Oktober
2008
Zum Inhalt (Amazon):

Nach der kleinen Erzählsammlung Vorsicht, bissiger Gott ist Eine Vorhaut klagt an Shalom Auslanders große Abrechnung mit Gott.

Es sind Erinnerungen, die sich lesen wie ein verbotener Schlüsselroman - furchtlos böse, schockierend witzig und unglaublich unterhaltsam.

"Ich glaube an Gott. Das ist mein Problem."

Shalom Auslanders Jugend ist geprägt von einem schrecklichen Respekt vor Gott. Aufgewachsen"wie ein Kalb"in einem vollkommen abgeschotteten jüdisch-orthodoxen Umfeld in New York, hatte er sich den göttlichen Gesetzen und Traditionen seines Vaters und der Rabbis unterzuordnen, seit er denken kann. Über allen und allem thronte dieser Gott, der ihn nicht verstand und der sein Leben zur Hölle auf Erden machte. Shalom Auslander erinnert sich, wie er jeden Tag dagegen ankämpfen musste, sich vor Gott zu rechtfertigen, und warum er bis heute Gottes Zorn fürchtet wie den Tod: In der Schule wurde ihm aufoktroyiert, was er essen durfte und was nicht - und in welcher Kombination. Dafür musste er eine siebzigseitige Liste mit Hunderten von verschiedenen Speisen auswendig lernen. Später wurde er beim Klauen von Jeans erwischt und dafür ins Exil nach Israel geschickt, wo er auf einer orthodoxen Schule durch intensives Studieren der Tora und des Talmud richtiges Benehmen erlernen sollte. Zurück im Sündenpfuhl Manhattan, kämpfte Shalom weiter mit Gott, brach immer wieder alle Regeln und geißelte sich selbst. Einmal legte er mit seiner Frau Orli über zwanzig Kilometer zu Fuß zurück, um die New York Rangers im Madison Square Garden spielen zu sehen - es war Schabbat und daher den beiden nicht gestattet, ein Taxi oder einen Bus zu besteigen. Die Rangers verloren. Um Gott zu bestrafen, aßen die beiden nach dem Spiel zwei fette Hot Dogs, mit viel Senf und extra unkoscher ...

Zum Autor: Aufgewachsen in Monsey, New York. Hat für The New Yorker, Esquire und The New York Times geschrieben. Auslander lebt derzeit in New York.

Mich hat eine kleine Rezi im SPIEGEL auf dieses Buch gebracht und ohne diesen Artikel hätte ich mir das Buch nie gekauft. Zu religiös, dann noch Biographie und dann noch der doofe Titel. Aber über den Titel sollte man hinweg sehen... Auslander erzählt von seiner Kindheit, seinem Erwachsenwerden (teilweise in Israel), seiner Ehe und der bevorstehenden Geburt seines Sohnes in einer zu bewundernden Offenheit und Frechheit, die mit Humor seine Zerrissenheit zeigt. Er schreibt flapsig (that is *so* God) und für einige Leser sicher auch beleidigend (Fuck You! schreibt auf auf einen Zettel, den er in die Klagemauer stopft)... aber seine Gewissensbisse und auch sein Handeln mit Gott sind einfach unterhaltsam beschrieben. Ein toller und detaillierter Einblick in jüdisch-amerikanische Familientradition und endlich mal jemand der Gott und Religion und Glaube humorvoll (und ja, auch respektlos) angeht. Volle Punktzahl von mir.